„Schauspielerei ist mir eher zugeflogen“

Mut zur Leidenschaft: Iris Berben präsentiert sich als Künstlerin und Persönlichkeit, die konsequent ihren eigenen Überzeugungen folgt – und damit Erfolg hat

Wenn sich zum Mut zur Leidenschaft noch Charme, Eloquenz, Offenheit und Selbstkritik gesellen, sind 90 Minuten fast zu kurz für eine Talkshow. Iris Berben hat am Montagabend im voll besetzten Rokokotheater im Dialog mit Volksbank-Vorstand Dirk Borgartz und Chefredakteur Jürgen Gruler gezeigt, dass sie weder ein Drehbuch noch eine Literaturvorlage braucht, um ihrer Zuhörer zu fesseln. Und damit die Veranstalter Stadtwerke, Volksbank und Schwetzinger Zeitung in ihren ausdauernden Bemühungen um die Verpflichtung der Schauspielerin bestätigt.

v.l.n.r. Vorstand Dirk Borgartz, Schauspielerin Iris Berben, Chefredakteur Jürgen Gruler

Weltverbesserung wichtiger als Abi

Mut zur Leidenschaft, das wird während des entspannt-heiteren Gesprächs schnell deutlich, heißt bei Iris Berben vor allem Mut, der eigenen Überzeugung treuzubleiben, auch wenn das unbequem und mit Anecken verbunden ist. Das begann schon in der Schulzeit: Dreimal musste sie „wandern gehen“, wie die Künstlerin ihre Schulverweise diskret umschreibt – weil die Konventionen der strengen katholischen Internate „extrem schwer zu vereinbaren waren“ mit ihrer Absicht, die Welt zu verbessern.
Was ihr die Schule nicht beibringen wollte, ersetzte sie durch eigene Erfahrungen. Über die Nazizeit, den Zweiten Weltkrieg habe es keine Antworten gegeben, also hat sie ihren Geschichtsunterricht mit 18 Jahren in Israel genommen, wo sie mit jungen Menschen aus der ganzen Welt die Idee teilte, etwas aufzubauen. So seien aus geplanten drei Wochen volle drei Monate geworden: „Dieser Eindruck, diese warme und offene Aufnahme prägt mich heute immer noch.“

Es folgte, bestätigt die Mimin auf Nachfrage Jürgen Grulers, eine „wilde Zeit“ in Hamburg: 68er, Studentenbewegung. Dass diese heute vor allem mit Terror und Brutalität in Verbindung gebracht werde, findet Iris Berben traurig: „Die Idee war, wir müssen Verantwortung übernehmen, aus der Verkrustung heraus“. Das Motto „Sex, Drugs & Rock’n’Roll“ will sie nicht in jeder Hinsicht unterschreiben: Ihre Treffen mit den Rolling Stones (die auch zur Begrüßung im Theater erklangen), seien „wirklich anständig“ ausgefallen. Alles andere habe ihre Freundin Uschi Obermeier erledigt . . .
Über Kontakte aus der Kunsthochschule gründete sie mit zwei Schwulen eine WG („das Beste, was mir passieren konnte“), die sie in experimentelle Filme einführten. So sei ihr die Schauspielerei „mehr oder weniger zugeflogen“. Uwe Nettelbeck vermittelte sie zum Film „Detektive“. Dass das ein Beruf sein könnte, nahm sie zunächst gar nicht wahr. „Das kam natürlich auch daher, dass ich die Schauspielerei nicht gelernt habe. Da sitzt mir meine katholische Erziehung im Nacken: Was man nicht erlitten hat, kann auch nicht ernst sein.“
Wunderbare Regisseure und Kollegen hätten ihr erst später die Augen geöffnet, wie viel Verantwortung man damit übernimmt und wie hart man dafür arbeiten muss. Damit war der Berufswunsch Nonne passé, den sie als Scheidungskind erwogen hatte, „weil dort alles ganz in Ordnung, klar und geregelt war“.
Dass es mit internationalen Rollen geklappt hat, war keineswegs selbstverständlich. Als sie sich 1970 für den Spaghetti-Western „Lasst uns töten, Companeros“ in einer Szene ihre langen Haare hätte abschneiden lassen sollen, sagte sie Regisseur Sergio Corbucci zunächst ab. Er wollte Iris Berben trotzdem für die Rolle, gestutzt wurde eine Perücke.

Schauspielerin Iris Berben

Der Sohn als „Lebensretter“

Als die Karriere also gerade angekurbelt war, wurde die damals 20-Jährige schwanger – gewollt, wie sie betont. „Mein Kind war so eine Art Lebensretter. Er war die Verantwortung, die ich vermutlich für mich nicht hatte, weil ich in einer wirklich wilden Zeit großgeworden bin und das auch ausgekostet habe.“ Durch den Gegensatz zwischen Internat und Hippiebewegung „war ich ein gefährdeter Mensch“.
Geschauspielert hat die gebürtige Detmolderin nahtlos weiter: Als alleinerziehende Mutter brauchte sie das Geld. Einige Jahre später kam das komödiantische Fach hinzu mit den „Himmlischen Töchtern“ von Regisseur Michael Pfleghar: „Er transportierte das amerikanische Entertainment-Fernsehen nach Deutschland“. Sie sei dabei für den „geistigen Sex“ zuständig gewesen, Ingrid Steeger für den plakativen.
Als „meine Schauspielschule“ bezeichnet Iris Berben ihre dreijährige Arbeit mit Diether Krebs für die Comedy-Show „Sketchup“. Nach einer Woche wollte sie hinwerfen, weil sie mit der Schnelligkeit, in kürzester Zeit eine Geschichte erzählen zu müssen, nicht mitgekommen sei. Von den 18 Millionen Zuschauern, die die Serie erreichte, kann man heute nur noch träumen. Dennoch folgte sie ihrer Überzeugung, auf dem Höhepunkt auszusteigen.
Während des großen Erfolgs der Hochglanzserie „Das Erbe der Guldenburgs“, in der Iris Berben die ständig betrunkene, vom Ehemann schlecht behandelte Evelyn Lauritzen spielte, sei sie beim Einkauf immer ganz mitleidig behandelt worden, schmunzelt sie im Rückblick.
Natürlich kommt die Sprache auch auf ihre Kommissarin-Figur „Rosa Roth“, die sie 20 Jahre lang spielte („aber nur zwei Folgen pro Jahr“). Sie habe auch die Befindlichkeiten einer Stadt und ihrer Menschen nach der Öffnung des Ostens erzählt.
Dass sie um 2000 nach ihrem 50. Geburtstag eine Weile nicht mehr drehte, lag daran, dass sie sich verstärkt Lesungen widmen wollte, die sie lange zuvor begonnen hatte. Nach einem Jahr hat die mehrfach ausgezeichnete Actrice aber „die vielen Leben vermisst, die man vor der Kamera hat“. Dass ihre Rollen immer „kraftvoller, saftiger“ werden und mehr mit dem Leben zu tun haben, dürfte ihren Entschluss bestärken – zur Freude ihres Publikums, das sie im Rokokotheater mit viel Applaus verabschiedet.

Vollbesetztes Rokokotheater