„Bereits heute sind wir am Helikoptergeld sehr nah dran“

Interview mit Achim Seiler, Leiter Private Banking und Generalbevollmächtigter bei der Volksbank Kur- und Rheinpfalz

Das „Helikoptergeld“, die direkte Finanzierung von Staat oder Bürgern durch die Zentralbank, war bisher nur ein ökonomisches Gedankenexperiment. Zuletzt hat diese Idee aber unter Wirtschaftswissenschaftlern Auftrieb erhalten und EZB-Präsident Mario Draghi bezeichnete das Helikoptergeld vor Kurzem als „sehr interessantes Konzept“. Im Interview spricht Achim Seiler, Leiter Private Banking und Generalbevollmächtigter bei der Volksbank Kur- und Rheinpfalz, über dieses geldpolitische Instrument – und die Folgen, die es für die Bürger und Privatanleger haben könnte.

Achim Seiler
Leiter Privatkundenbetreuung,
Generalbevollmächtigter

Herr Seiler, wie realistisch ist es, dass die Menschen im Euroraum demnächst einen Scheck der EZB erhalten werden?

Damit ist bis auf Weiteres nicht zu rechnen. Dafür sind wir in anderer Hinsicht schon sehr nahe am Helikoptergeld dran: Denn durch die Geldpolitik der EZB können sich die Eurostaaten heute schon zinslos finanzieren – für deutsche oder italienische Staatsanleihen bezahlen die Anleger sogar eine Prämie. Jetzt kommen zu den massiven Aufkäufen von Staatsanleihen auch noch Unternehmensanleihen hinzu, womit die EZB direkt in die Unternehmensfinanzierung eingreift. Vor diesem Hintergrund wäre das ‚echte‘ Helikoptergeld nur eine weitere Ausbaustufe der Strategie, die die EZB schon seit Längerem verfolgt.

Die Befürworter sehen hierin ein probates Mittel, um die Deflationsgefahr zu bannen und die Konjunktur im Euroraum zu beleben. Zu Recht?

Ein solches Szenario ist mit vielen Unsicherheitsfaktoren verbunden. Wird beispielsweise das Geld von den Privatpersonen nicht wie gewünscht ausgegeben, sondern gehortet, würde diese Maßnahme verpuffen. Nachhaltige ökonomische Effekte lassen sich durch die Versendung von Schecks oder das Ausloben einer Konsumprämie sicher nicht erzielen. Lediglich in einer akuten ökonomischen Krisensituation kann eine solche Geldleistung – wie die ‚Abwrackprämie‘ im Jahr 2009 –  eine gewisse Wirkung entfalten. Im Moment haben wir jedoch in Europa kein substanzielles Konsumproblem. Extreme Maßnahmen wie das Helikoptergeld sind deswegen unberechtigt, sie führen nur zur Verzerrungen im Markt und setzen Fehlanreize.

Worauf müssen sich Verbraucher und Privatanleger denn künftig einstellen?

Auch wenn die Teuerung im Moment eher zu niedrig als zu hoch ist, besteht doch die Gefahr, dass die geldpolitischen Maßnahmen der EZB in ihrer Summe irgendwann dazu führen, dass die inflationären Kräfte nicht mehr beherrschbar sind. Auf dem Aktien- oder Immobilienmarkt hat die Geldpolitik der EZB bereits zu Verspannungen und mancherorts zu ersten Anzeichen einer Blasenbildung geführt. Und im Hinblick auf die Verzinsung der Spareinlagen bedeutet dies, dass in Europa – angefangen bei den großen Vermögen – auch im Privatkundengeschäft Negativzinsen nicht mehr ausgeschlossen werden können.

 

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