„Gerade hier, gerade jetzt“

lautet die deutsche Übersetzung des Songtextes von Fatboy Slim, dessen Lied aus den Lautsprechern des Rokokotheaters dröhnt.

Bilder von Umweltkatastrophen und Attentaten erscheinen auf der riesigen Leinwand. Gerade jetzt, in politisch schwierigen Zeiten, begegnen uns im Fernsehen, Rundfunk und Onlinemedien „Breaking News“, Eilmeldungen. Oftmals sind sie mit Schreckensnachrichten verbunden. Wie auch vergangenen Freitag, als „Breaking News“ die Attentate von Paris vermeldeten. Für Frank Schätzing bedeuten die Schlagworte noch mehr, gehen mit großem Erfolg einher. Der Autor schrieb einen Roman mit gleichnamigem Titel. Damit schaffte er es wieder in die Bestseller-Liste. Am Montag war Schätzing zu Gast beim Talk im Schloss.

Locker, leger und mit einem schelmischen Grinsen betritt der 58-Jährige die Bühne. Er genießt seine Rolle als Geschichtenerzähler im ausverkauften Rokokotheater. „Ich soll Ihnen eine kleine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen“, wedelt er mit einem Manuskript, „ich habe mich für die Seiten 7 bis 855 entschieden“. Gelächter. Schätzings Romane sind eben nicht nur komplex, „viele Handlungsstränge müssen im Kopf zusammengeführt werden“, wie Dieter Scholl, der Geschäftsführer der Stadtwerke, eingangs sagte. Sie sind auch umfangreich, selten unter 1000 Seiten.
Schätzing liest die ersten Passagen von „Breaking News“ und nimmt die Zuhörer durch seine wunderbar bildhaften und detaillierten Beschreibungen mit an einen Schauplatz des Geschehens, in das Krisengebiet Kundus in Afghanistan. Genauer gesagt in einen Land Cruiser. Mit Gestik, Mimik und seiner ruhigen, sonoren Stimme beschreibt er die Situation. Hauptfigur Tom Hagen, ein Journalist auf der Suche nach der großen Story, hat einen Sack über dem Kopf, der nach Erbrochenem stinkt .. . Es ist still im Saal Man hätte ihm noch eine ganze Weile zuhören können.

v.l.n.r. Vorstand Dirk Borgartz, Autor Frank Schätzing, Chefredakteur Jürgen Gruler

Dirk Borgartz (Volksbank Kur- und Rheinpfalz) und Jürgen Gruler (Schwetzinger Zeitung), die gemeinsam mit den Stadtwerken den Talk im Schloss initiieren, läuten das Gespräch ein – und gehen direkt über zu den Anschlägen
in Paris. Diesbezüglich, gibt Schätzing zu, „hat das Buch jetzt eine andere Dimension“. Zwar geht
es darin hauptsächlich um den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, doch das Thema fühlt sich sehr nah an. „Es ist eine neue Qualität des Terrors, den wir hier erleben“, sagt Schätzing, wobei Qualität eher ein Wort sei, das er mit Positivem verbinde, mit „gutem Rotwein“ zum Beispiel. Nun hat das Wort aber eine neue Bedeutung. „Der Terrorismus macht vor nichts mehr halt. Man kann nirgendwohin entkommen. Auch hier in das kleine schöne Theater kann jemand hereinstürmen und um sich schießen“, richtet Schätzing die Worte an die Zuhörer. Stille. Nachdenkliche Gesichter. 2004 hatte Schätzing mit „Der Schwarm“ einen Roman verfasst, der wenige Zeit später traurige Realität
wurde. Er beschreibt in diesem Buch die Entstehung eines Tsunamis. „Ich war mit meiner Frau auf dem Weg in den Urlaub an die Nordsee, als ich eine Interviewanfrage erhielt. Ich war plötzlich der Mann in Deutschland, der am meisten über das Thema Bescheid wusste, weil ich mich für das Buch intensiv damit auseinandergesetzt habe“, erzählt Schätzing. Mit dem Roman rettete er einigen Familien sogar das Leben, wie er später erfuhr. Diese erkannten nämlich aufgrund seiner Beschreibungen im Buch die Anzeichen der Riesenwelle und konnten sich in Sicherheit bringen.

Autor Frank Schätzing

Doch woher kommen die Romanideen? „Das ist verschieden. Mal unter der Dusche, wenn mir das Wasser 20 bis 30 Minuten auf den Kopf prasselt, oder im Schlaf, in meinen Träumen“, so Schätzing. Ein Jahr hat er für „Breaking News“ recherchiert, war sogar vor Ort, um sich ein Bild von der Lage in Israel zu machen. „Aus den Nachrichten kennt man nur ein paar Puzzleteile vom Gesamtbild. Die Wahrheit ist unteilbar und deswegen war ich dort“, führt Schätzing aus: „Man denkt, dass dort der personifizierte Ausnahmezustand herrscht, aber das stimmt nicht. Dort gibt es auch eine Spaßgesellschaft. Uns aber werden über die Nachrichten nur Ideologien vermittelt.“ Nach seiner Rückkehr begann er mit dem Schreiben. Weitere anderthalb Jahre vergehen, ehe er das Manuskript seiner Frau übergibt. „Ich gebe große Stücke auf ihre Meinung“, so der Kölner. Verfilmt wurden die Romane des James-Bond- und Star-Wars-Fan bisher nicht, obwohl es für „Der Schwarm“ schon mehrere Anläufe gab. „Das liegt auch daran, dass man ‚Der Schwarm‘ nicht in einem Ententeich drehen kann“, erzählt Schätzing von gescheiterten Finanzierungsversuchen. Von „Breaking News“ soll’s aber eine TV-Serie geben, der Mannheimer Regisseur Nico Hofmann hat sich die Rechte gesichert. Schätzing arbeitet nicht nur an einem neuen Buch, über das er partout nicht reden möchte, sondern verfolgt zudem seinen Traum, ein eigenes Musikalbum zu produzieren. Von Schwetzingen aus ging’s dafür direkt nach Berlin ins Studio. Rock-, Jazz-, Soul- und Avantgarde-Einschläge soll die Platte haben. Übrigens: Zur Musik kam er nicht etwa, weil ihn Eltern und Oma mit Volksmusik dafür zu begeistern versuchten. Die Liebe dafür entdeckte er als 14-Jähriger mit einem Poster der tief dekolletierten Suzie Quatro im Lederoverall. Immer wieder bringt Schätzing mit seinem Kölner Singsang die Kurpfälzer zum Schmunzeln. Auch bei seiner Geschichte über den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton, der beim G8-Gipfel 1999 in Köln unbedingt ein Kölsch trinken wollte und sich in Anlehnung an John F. Kennedys Worte zu dem Satz: „Ick bin ein Kölsch“ hinreißen ließ. „Er war sich der historischen Tragweite dieses Satzes wohl nicht bewusst“, beendet Schätzing den  kurzweiligen Talk. Anschließend verweilen die Gäste lange im Foyer bei Wein und Bier von „Lacher’s Schlossrestaurant“ und plaudern mit Frank Schätzing, der seine Bücher signiert, die die Buchhandlung Kieser vor Ort verkauft hat.

Vollbesetztes Rokokotheater