„Dietmar Hopp ist ein fantastischer Mensch“

Talk im Schloss: Im Rokokotheater begeistert Hans-Joachim Watzke von Borussia Dortmund das Publikum mit seinen klaren Aussagen über RB Leipzig oder Hoffenheim – und vor allem seinen BVB

Dass Hans-Joachim Watzke selbst 30 Jahre Fußball gespielt hatte, sahen die Zuschauer zu Beginn, als er gekonnt die schwarz-gelben Bälle ins Publikum kickte. Aber auch die rhetorischen Bälle verteilte er anschließend geschickt und setzte so manchen Treffer. Ehrlich, authentisch,  sympathisch, routiniert, klare Kante, nie um einen flotten Spruch verlegen – so erlebten die Zuschauer den Geschäftsführer des Bundesligisten Borussia Dortmund beim „Talk im Schloss“ im Rokokotheater, zu dem die Volksbank Kur- und Rheinpfalz, die Stadtwerke Schwetzingen und die Schwetzinger Zeitung bereits zum zwölften Mal geladen hatten. Leider haben Tonprobleme im Oberrang den Besuchern dort den Genuss eingeschränkt. Dafür bittet die Tonfirma um Entschuldigung.
Dass der vom stellvertretenden Volksbank-Vorstandschef Dirk Borgartz und SZ-Chefredakteur Jürgen Gruler moderierte Abend unter dem Titel „Echte Liebe“ deklariert war, das passte. Denn das Publikum spürte, dass die Aufgabe bei Borussia Dortmund für „Aki“ Watzke (57) nicht nur ein Job ist, sondern eine Herzenssache. Der Verein, dessen Kultur, die Fans und die Stadt sind dem gebürtigen Sauerländer wichtig. Er lebt und liebt diesen Club, dessen Seele er inhaliert hat. Watzke weiß, was essenziell für den BVB 09 ist – zum Beispiel die Fantreue und die legendäre Südkurve: „Wir haben 28000 Stehplätze, das macht sonst keiner. Das kostet uns im Jahr 10 Millionen, weil das Ticket 11 Euro kostet, aber das ist die Kultur von Borussia.“
Und da war der 57-Jährige bei einem seiner Lieblingsthemen: die Traditionsvereine und im Gegensatz dazu die Clubs wie RB Leipzig und TSG Hoffenheim oder die Investoren-Schwemme in England. „Die großen Traditionsvereine, das ist auch ein Stück Kultur. Die leisten enorme Arbeit, sie sind der Klebstoff der Gesellschaft. Was beispielsweise ein Club wie der HSV in 50 Jahren für
die Gesellschaft tut, wird vergessen.“

Vom Ambiente im Rokokotheater war Hans-Joachim Watzke (oben Mitte) begeistert. Interviewt wurde er von Dirk Borgartz (l.) und Jürgen Gruler.

RB und die 27 Direktoren

Demgegenüber stehe nun ein Projekt wie RB Leipzig, das derzeit die Bundesliga aufmischt. Zwar erkennt er die Arbeit dort an („Was die sportlich machen, nötigt mir großen Respekt ab“), aber aus seiner Skepsis und Abneigung gegen den von Red Bull getragenen Club machte er keinen Hehl: „Der Verein wurde nur gegründet, um eine Getränkedose zu vermarkten.“ Zwar sei RB für die Region dort ungeheuer wichtig („Die Menschen sehen endlich mal wieder Bundesliga-Fußball“), aber in der Art und Weise einfach nicht Hans-Joachim Watzkes Geschmack: „Es ist schwieriger 145000 Mitglieder zu führen als 27 – und die sind alle Direktoren bei Red Bull.“
Kein Verständnis hat er für manche Aussagen der sächsischen Verantwortlichen: „Die haben sich allen Ernstes mit Darmstadt verglichen. Das ist nicht redlich, die haben 52 Millionen investiert.“ Unter dem Strich mehr als Bayern und Dortmund zusammen. Etwas anders als früher sieht Watzke die Situation bei der TSG Hoffenheim, deren von Milliardär Dietmar Hopp protegierten Aufstieg er damals äußerst kritisch betrachtet hatte. „Bei Hopp habe ich anfangs nicht gesehen, dass das ein fantastischer Mensch ist, der viel für seine Region tun möchte,“ leistete er Abbitte. Aber noch mehr Hoffenheim und Leipzig in der Bundesliga brauche er trotzdem nicht.
Wer erwartet hatte, dass „Aki“ Watzke zum großen Schlag gegen den Rivalen Bayern München ausholen würde, sah sich getäuscht. Im Gegenteil: Der Borussia-Chef sieht seinen Club und den Rekordmeister („Derzeit haben wir zu denen ein gutes Verhältnis“) im gleichen Boot, was Tradition, Vermarktung und sportliche Zielsetzung, gerade auf internationaler Ebene, angeht, auch wenn die Bayern finanziell in einer anderen Dimension agieren: „Die geben 210 Millionen für Gehälter aus, wir 110.“ Aber grundsätzlich sei es wichtig, dass bei der Fernsehgeldverteilung Vereine wie Bayern und Borussia den größten Teil vom Kuchen abbekommen: „Wenn wir die Spitze schwächen und die Schwachen stärken, vergessen wir das internationale Geschäft. Und wenn wir  irgendwann nicht mehr mithalten können, haben wir nur noch drei Startplätze für Europa und das merken dann alle Vereine im Etat.“
Nur in einem Punkt zog er eine klare Linie zum FCB: „Lass uns lieber pleite gehen, als bei Bayern Schulden haben. Das Letzte wäre, Bayern um einen Kredit zu fragen. Da würde ich lieber in der Fußgängerzone betteln gehen.“ Damit räumte er mit dem Mythos auf, dass Uli Hoeneß und der FCB die Dortmunder 2004/2005 in der finanziellen Krise finanziell gerettet hätten. Es habe, als er anfing, ein Darlehen gegeben, das er aber sofort zurückbezahlt habe.
Damals in dieser schwierigen Zeit begann die Ära von Watzke, der auch beim „Talk im Schloss“ darauf zu sprechen kam. „2005 war fast Schluss. Wir waren pleite, beinahe in der Insolvenz, das hätte Kreisklasse C bedeutet.“ Der BVB habe 122 Millionen Euro Schulden gehabt, von denen 91 Millionen fällig waren. Hans-Joachim Watzke erzählte, wie er sich an die Sanierung des Patienten Borussia gemacht habe, dass er das Budget um 35 Millionen Euro heruntergeschraubt habe, viele Stars verkauft („Und haben es trotzdem geschafft, nicht abzusteigen“) und das von seinen Vorgängern verkaufte Stadion wieder zurückkauft habe.
Er gab aber auch zu: „Wir haben immer im richtigen Moment Glück gehabt.“ Heute mache der BVB 380 Millionen Euro Umsatz, habe keinen Euro Schulden und 50 Millionen Guthaben auf der Bank („Uli Hoeneß sagte mal dazu Festgeldkonto“).

Für die Zuschauer war es ein toller Abend

Jürgen Klopp als Glücksfall

Dass in dieser Zeit zwischen Beinahe-Pleite und heute zwei deutsche Meistertitel, weitere Spitzenplätze, ein Pokalsieg und ein Champions-League-Finale auf der Erfolgsliste stehen, wird auch immer mit dem Namen Jürgen Klopp verbunden sein. 2008 hatte ihn Watzke aus Mainz geholt: „Wir haben ihn dort gesehen, der hat 150 Prozent aus der Mannschaft geholt“, erinnerte sich der Geschäftsführer an den Beginn der Trainer-Ära: „Klopp war in jeder Richtung eine Königsentscheidung.“ Die Zusammenarbeit mit dem heutigen Liverpool-Coach sei unfassbar eng gewesen: „Wir haben uns auf allerhöchstem Niveau vertraut.“ Und selbst der Abschluss und der Abschied sei niveauvoll gewesen: „Das war vielleicht der stilvollste und emotionalste Trainerwechsel überhaupt“, erzählte Watzke stolz.

Tuchel ist ein ganz anderer Typ

Dass jetzt mit Thomas Tuchel ein ganz anderer Typ auf der Kommandobrücke stehe, sei logisch: „Jürgen Klopp reloaded würde ja nicht funktionieren,“ lachte Watzke und ergänzte: „Dass ich mit Tuchel zwei Stunden um den Borsigplatz kreise und mich heiser singe, so wie mit Klopp, das ist undenkbar.“ Thomas Tuchel würde selbst bei einem Titelgewinn mit nur maximal einem halben Bier mit viel Wasser und zwei scheiben Dinkelvollkornbrot feiern. „Aber er ist ein grandioser Trainer“, nur das zähle.
Zum Schluss kamen die Moderatoren nicht umhin, nach dem großen Duell am Samstag zwischen Dortmund und Bayern zu fragen – für Watzke das Spiel schlechthin. „Mehr geht nicht in Deutschland. Das wird immer mehr Menschen in seinen Bann ziehen als Hoffenheim gegen Leipzig.“ Und die Prognose folgte: „Es ist ein 50:50-Spiel. Wer das erste Tor schießt, gewinnt – oder verliert zumindest nicht.“

Die besten Sprüche von „Aki“ Watzke

„Fußball ist das sinnstiftendste Element überhaupt.“
„Große Vereine leisten enorme Arbeit, sie sind der Klebstoff der Gesellschaft.“
WATZKE ÜBER TRADITION IM FUSSBALL


„Wenn ich beim Fernsehen die Wahl habe zwischen Rosamunde Pilcher und Neuseeland gegen Neuguinea, werde ich immer Neuseeland einschalten. Dieses Spiel Fußball fasziniert
mich einfach.“
WATZKE ÜBER SEINE FUSSBALLBEGEISTERUNG


„Bei Dietmar Hopp habe ich anfangs nicht gesehen, dass das ein fantastischer Mensch ist, der viel für seine Region tun möchte.“
WATZKE ÜBER HOFFENHEIM UND DIETMAR HOPP


„Ich hätte da auch nicht schießen wollen, die haben sich gefühlt wie auf der Titanic drei Minuten vor dem Ende.“
WATZKE ÜBER DIE ELFMETERSCHÜTZEN VON UNION BERLIN, DIE IM POKALSPIEL VOR DER DORTMUNDER SÜDTRIBÜNE RAN MUSSTEN


„Lass uns lieber pleite gehen, als bei Bayern Schulden haben. Das Letzte wäre, Bayern um einen Kredit zu fragen. Da würde ich lieber in der Fußgängerzone betteln gehen.“
WATZKE ÜBER EINEN FRÜHEREN FCB-KREDIT


„Dass ich mit Tuchel zwei Stunden um den Borsigplatz kreise und mich heiser singe, so wie mit Klopp, das ist undenkbar.“
WATZKE ÜBER DEN NEUEN BVB-TRAINER


„Der Verein wurde nur gegründet, um eine Getränkedose zu vermarkten.“
„Die haben sich allen Ernstes mit Darmstadt verglichen. Das ist nicht redlich, die haben 52 Millionen investiert.“
„Es ist schwieriger, 145000 Mitglieder zu führen als 27 – und die sind alle Direktoren bei Red Bull.“
„Wenn der Mateschitz den roten Knopf drückt, ist finito. Wenn er den grünen drückt, dann sind sie Champions League.“
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„Wenn der zu einer Woche Arrest verurteilt wird, fehlt der am Sonntag bei Mutti zum Kaffeetrinken, davor hat der unfassbar Schiss.“
WATZKE ÜBER SEINE FORDERUNGEN NACH SCHNELLGERICHTEN FÜR RANDALIERER IM STADION